Kuja, Lola und Ading
Boss, Kuja, Ate, Lola und Ading
Wer in einem deutschsprachigen Restaurant etwas bestellen will, ruft, wohl fast ein bisschen verzweifelt, weil man den Namen der Kellnerin oder des Kellners nicht kennt: „Entschuldigung“ und erhofft sich dabei die Aufmerksamkeit derselben.
Zu meiner Jugendzeit rief man die Serviceangestellte „Fräulein“ und das selbst bei schon älteren Angestellten. Während meiner frühen Zeit am Kantonsspital St. Gallen – und das waren zweifelsohne gute Zeiten – geschah es auch einmal, dass eine betagte Frau, die aber weiss Gott Herrin über ihr Gedächtnis war, mich mit „Schwester“ ansprach. Da ich weiss gekleidet und in derselben Funktion wie meine Kolleginnen war, gab es für die alte Frau, die im Jahre 1898 geboren war, keinen Zweifel: ich bin eine Schwester und damit auch ihre Schwester. Sie wollte sich von mir auch nicht eines anderen belehren lassen. Somit sprach sie mich selbstverständlich fortan mit "Schwester" an. Der Titel „Schwester“ ist inzwischen aus dem schweizer Sprachgebrauch schon fast so selbstverständlich weggefallen, wie das ehemals so vertraute „Fräulein“ in so vielen Restaurants.
In den Filipinen scheint man bezüglich der Anrede freier zu sein. Es kommt mir manchmal fast vor, wie in der Biblischen Geschichte, wo Jesu Verwandte plötzlich zu seinen Brüdern werden und er Schwestern erhält, wo vorher fast selbstverständlich davon ausgegangen werden darf, dass er ein Einzelkind gewesen sein musste.
Manchmal, wenn ich mit einem leichten Rucksack und Sandalen, aber immer mit langen Hosen – aus Anstand den Menschen gegenüber – durch ein Barangay gehe, so gibt es Kinder oder Menschen, die mich ihren Eltern vorstellen oder zu einem Kranken führen möchten. Dann rufen sie mir zu: „Kuja, dito na lang dumaan“ – „Grosser Bruder, komm, hier entlang!“ Der Begriff Kuja darf hier selbstverständlich für jeden verwendet werden. Jeder, der nur den Anschein macht, dass er älter ist als ich – wobei ich unter Asiaten manchmal „alt“ aussehe – darf von mir "Kuja" genannt werden. Das Wort für eine ältere Schwester ist „Ate“ (ausgesprochen wie es geschrieben wird - aber vorsicht: nicht "Alte").
Wenn ich auf dem Markt etwas einkaufe, spreche ich die Person mit Kuja oder Ate an. Im Falle, dass die Händlerin oder der Händler jünger sein sollte, darf auch ohne Furcht das englische Wort „Miss“ für „Fräulein“ oder „Ading“ für jüngerer Bruder verwenden. Der Begriff „Ading“ kann gleichermassen für einen „jüngeren“ Bruder, als auch für eine „jüngere Schwester“ verwendet werden. So rufe ich einen jungen Dreiradfahrer, der Menschen in seinem Gefährt transportiert, „Ading“ und er wird sich geehrt fühlen, dass ich ihn sozusagen in meine Verwandtschaft „aufnehme“.
Wer in dem südostasiatischen Getümmel eines Marktes keine Aufmerksamkeit erhält, obwohl der Verkäufer mit einem freundlichen „Kuja“ angesprochen wird, darf es auch mit „Boss“ versuchen, auch wenn er nicht der Chef ist. Dies mag schon fast ein bisschen rüde erscheinen, doch wird das bei der sprichwörtlichen filipinischen Offenheit als angemessen angesehen, da der Angesprochene sich als kompetent betrachtet fühlt. Nicht immer, aber oft wendet der „Boss“ dann einem freundlich seine Aufmerksamkeit zu.
Als ich einmal mit meiner Anti Alice – Tante Alice – auf dem Quiapo-Markt war, nannte sie eine alte Frau „Lola“. Ich war ganz schön verwundert, dass meine Tante, die ja eigentlich nicht meine wirkliche Tante ist – und selber schon über 70 Jahre zählt - eine alte Verkäuferin mit "Lola“ („Grossmütterchen") ansprach. Ich musste schmunzeln. Doch im Grunde ist auch das selbstverständlich. Ein älterer Mann, der auf seine Enkelin aufpasst, während seine Tochter im Ausland arbeitet um den Lebensunterhalt zu bestreiten, spaziert täglich vor unserer Wohnung vorbei. Wenn ich ihm begegne ,nenne ich ihn „Lolo“, was ein zärtliches „Grossväterchen“ bedeutet und so kommen wir hie und da ins Gespräch.
In den letzten 3 ½ Jahren habe ich in den Filipinen somit eine ziemlich grosse Verwandtschaft gewonnen. Besonders lieb ist mir meine „neue“ Tante Alice in Manila. Sie hat nicht nur haufenweise spannende Geschichten über grosse Projekte und gefährliche Intrigen zu berichten, sondern auch Erschreckendes aus einem Manila während des zweiten Weltkrieges und von einer Zeit, als sie fünf Töchter gross zog, die heute alle erfolgreich im Berufsleben stehen.
Wenn Cynthia und ich mitte April in die Schweiz fliegen werden, wird uns ein komisch-mulmiges Gefühl begleiten: Wie werden wir all die Leute ansprechen, die wir im Grunde nicht kennen? – Werden wir einfach „Hallo“, „Sie“ oder „Entschuldigung“ rufen? Ich bin dankbar für meine neu gewonnenen „Familienmitglieder“, die es mir in einem ehemals „fremden“ Filipinen so oft so leicht gemacht haben.
Bestimmt freuen sich alle meine schweizer Verwandten über den somit gewonnenen Zuwachs von „Ate“, „Kuja“, „Lola", „Lolo“, „Ading“ usw. Sie erhalten damit auch die Möglichkeit, meine Verwandten in den Filipinen besuchen zu können, die dann ein bisschen zu ihren wirklichen Verwandten geworden sind. Irgendwo erahne ich, was Jesus mit seiner Idee gemeint hat, dass wirkliche Gemeinschaft nur dort möglich ist, wo wir alle zu „Brüdern“ und „Schwestern“, „Müttern“ und „Vätern“ etc geworden sind.

Bild: Anti Alice mit Cynthia und mir








